Sonntagabend, der Lift ruckt kurz und bleibt stehen. Die Türen gehen nicht auf, die Anzeige ist still. Für die Menschen in der Kabine sind das lange Minuten. Für mich als Aufzugstechniker beginnt ein Ablauf, der immer gleich ruhig und sorgfältig sein muss.
In diesem Artikel erkläre ich, was Sie tun sollten, wenn Sie im Lift stecken, was Hauswart und Verwaltung tun (und lassen) sollten und was der Techniker vor Ort wirklich macht.
Wenn Sie im Lift stecken: das Wichtigste in Kürze
Ruhig bleiben. Ein stehender Lift fällt nicht einfach herunter. Aufzüge haben mehrere voneinander unabhängige Sicherheitseinrichtungen: Bremse, Fangvorrichtung, Geschwindigkeitsbegrenzer. Meistens hat die Anlage etwas Unregelmässiges erkannt und sich selbst stillgesetzt: Die Sicherheit macht ihre Arbeit.
Den Notrufknopf drücken. Meist ist es die Taste mit dem Glockensymbol. Halten Sie sie einige Sekunden gedrückt. Bei den meisten Aufzügen werden Sie über eine Sprechverbindung mit einer Notrufstelle verbunden, die rund um die Uhr besetzt ist. Sagen Sie klar:
- in welchem Gebäude und an welcher Adresse Sie sind (oft steht sie auf einem Schild in der Kabine),
- wie viele Personen in der Kabine sind,
- ob jemand verletzt ist, schlecht Luft bekommt oder Medikamente braucht.
Wenn Sie Handyempfang haben, können Sie zusätzlich die Nummer anrufen, die in der Kabine angeschrieben ist. Bei Lebensgefahr oder einem medizinischen Notfall rufen Sie direkt die 144 (Sanität) oder die 112 an.
Nie selbst hinausklettern. Das ist der wichtigste Satz in diesem Artikel. Versuchen Sie nicht, die Türen aufzustemmen oder durch einen Spalt zu klettern. Steht die Kabine zwischen zwei Stockwerken, liegt unter der Türschwelle ein offener Schacht. Die gefährlichen Unfälle passieren selten im stehenden Lift, sondern bei solchen Selbstbefreiungen.
Warten, und sich bemerkbar machen. Setzen Sie sich, wenn Sie können, und halten Sie Abstand zu den Türen. Reden Sie miteinander, beruhigen Sie Kinder. Ist der Notruf angekommen, ist Hilfe unterwegs.
Für Hauswarte und Verwaltungen: was zu tun ist und was nicht
Oft merkt zuerst der Hauswart, dass jemand im Lift festsitzt: Rufen durch die Tür, ein Anruf von einem Bewohner, eine Meldung der Notrufstelle.
Das sollten Sie tun:
- Den Pikettdienst der Servicefirma anrufen, falls die Notrufstelle das nicht schon gemacht hat. Die Nummer gehört gut sichtbar ins Hauswartbüro und in den Ordner der Anlage.
- Mit den Personen in der Kabine sprechen, durch die Schachttür oder über die Sprechanlage. Sagen Sie ihnen, dass Hilfe unterwegs ist und dass sie in der Kabine bleiben sollen.
- Herausfinden, auf welchem Stockwerk die Kabine ungefähr steht, und dem Techniker den Zugang zum Gebäude und zum Maschinenraum oder Steuerschrank vorbereiten: Schlüssel, Licht, freier Weg.
- Bei einem medizinischen Notfall sofort 144 alarmieren.
Das sollten Sie nicht tun:
- Schachttüren selbst öffnen, auch nicht mit einem Notentriegelungsschlüssel, wenn Sie dafür nicht ausgebildet und befugt sind.
- Am Hauptschalter oder an der Steuerung «etwas probieren», um den Lift wieder in Gang zu bringen.
- Den Leuten helfen, über eine Lücke hinauszuklettern.
Gut gemeinte Hilfe ist hier das grösste Risiko. Ein Lift, der sich bewegt, während jemand halb draussen ist, ist der schlimmste Fall, den es gibt.
Was der Techniker vor Ort wirklich macht
Beim Pikett-Anruf zählt jede Minute, aber Hetzen hilft niemandem. So läuft eine Notbefreiung bei mir ab.
1. Kontakt aufnehmen und die Kabine orten
Zuerst spreche ich mit den Personen in der Kabine: Geht es allen gut? Wie viele sind es? Dann suche ich, wo die Kabine genau steht. Auf einem Stockwerk? Dazwischen? Wie weit vom nächsten Halt entfernt? Davon hängt ab, wie ich vorgehe.
2. Zuerst die Menschen, dann die Fehlersuche
Die Reihenfolge ist klar: Erst kommen die Leute heraus, dann wird diagnostiziert. Wer im Lift sitzt, wartet nicht gerne, während der Techniker Fehlerspeicher liest.
Ich kontrolliere, dass alle Schachttüren geschlossen und verriegelt sind, und schalte die Anlage am Hauptschalter aus, damit sich der Aufzug während der Befreiung nicht unerwartet in Bewegung setzt.
3. Die Kabine auf Stockwerkhöhe bringen
Steht die Kabine nicht bündig mit einem Stockwerk, muss sie zuerst dorthin. Bei einem Seilaufzug mit Maschinenraum heisst das meistens: Die Bremse wird von Hand gelüftet, kurz und kontrolliert, und mit dem Handrad wird die Kabine langsam bewegt, bis sie auf Höhe des nächsten Stockwerks steht. Markierungen an den Seilen oder eine Anzeige zeigen mir, wann die Kabine bündig ist. Das ist Millimeterarbeit.
Bei Anlagen ohne Maschinenraum geschieht das gleiche oft vom Steuerschrank aus, mit einer Einrichtung zum Bremsenlüften oder einer Notfahrt. Bei Hydraulikaufzügen wird die Kabine in der Regel kontrolliert abgesenkt. Das Prinzip ist immer dasselbe: langsam, kontrolliert, und jederzeit bereit, die Bewegung zu stoppen.
4. Erst jetzt: Türen öffnen
Nur wenn die Kabine auf Stockwerkhöhe steht und sich nicht mehr bewegen kann, öffne ich die Schachttür mit dem Notentriegelungsschlüssel. Die Personen steigen aus, ich helfe, wo nötig. Danach schliesse ich die Schachttür wieder und prüfe, dass sie verriegelt ist.
Für die Fahrgäste ist das die Erleichterung, für mich beginnt der zweite Teil der Arbeit.
5. Danach: prüfen, bevor der Lift wieder fährt
Ein Lift, der Leute eingeschlossen hat, geht nicht einfach wieder in Betrieb. Ich suche die Ursache (Fehlerdiagnose an Aufzügen): Türkontakte, Steuerung, Antrieb, Bremse, Stromversorgung. Ich mache Probefahrten und kontrolliere, ob die Kabine auf jedem Stockwerk sauber hält und die Türen richtig öffnen und schliessen. Erst wenn ich sicher bin, dass die Anlage einwandfrei läuft, geht sie wieder in Betrieb. Wenn nicht, bleibt sie ausser Betrieb, und der Eigentümer wird informiert.
Zum Schluss wird der Einsatz dokumentiert: wann, was, welche Ursache, was gemacht wurde.
Warum regelmässige Wartung Einschlüsse verhindert
Viele Störungen, die Menschen einschliessen, kündigen sich vorher an: eine Tür, die hakt, ein Lift, der nicht mehr genau auf Stockwerkhöhe hält, ein ungewohntes Geräusch. Bei der vorbeugenden Wartung sieht der Techniker solche Zeichen, bevor daraus ein Einschluss am Sonntagabend wird.
Für den sicheren Betrieb ist der Eigentümer der Anlage verantwortlich. Ein Wartungsvertrag mit klaren Pikett-Zeiten, ein funktionierendes Notrufsystem und Meldungen, die ernst genommen werden, sind die beste Vorsorge. Melden Sie als Bewohner oder Hauswart Auffälligkeiten früh. Ein Hinweis wie «die Tür ging gestern zweimal wieder auf» ist für den Techniker Gold wert.
Häufige Fragen
Wie lange dauert eine Notbefreiung?
Das hängt vor allem davon ab, wie schnell der Techniker vor Ort ist. Das ist im Wartungsvertrag geregelt und hängt von Tageszeit und Distanz ab. Die Befreiung selbst geht in der Regel zügig, sobald der Techniker am Gebäude ist.
Ist es gefährlich, im Lift festzustecken?
In der Kabine zu warten ist sicher. Gefährlich wird es, wenn jemand versucht, sich selbst zu befreien, oder wenn Unbefugte die Türen öffnen.
Geht in der Kabine die Luft aus?
Nein. Das ist ein verbreiteter Mythos. Aufzugskabinen sind nicht luftdicht, sie haben Lüftungsöffnungen, und durch die Türspalten kommt ebenfalls Luft herein. Es fühlt sich eng an, aber der Sauerstoff geht nicht aus.
Was ist, wenn das Licht ausgeht?
Aufzüge haben eine Notbeleuchtung, die bei einem Stromausfall einschaltet. Auch bei Stromausfall kann der Techniker die Kabine von Hand bewegen und Sie befreien.
Gibt es Vorschriften dazu?
In der Schweiz regelt die Aufzugsverordnung (AufzV, SR 930.112) die Sicherheit neuer Aufzüge. Die Normen der Reihe SN EN 81 beschreiben unter anderem den Bau neuer Anlagen, den Notruf (SN EN 81-28) und die Erhöhung der Sicherheit bestehender Aufzüge (SN EN 81-80). Dies ist nur ein allgemeiner Hinweis, keine Rechtsberatung. Was für Ihre Anlage konkret gilt, klären Sie mit Ihrer Servicefirma.
Für Techniker: mehr aus der Praxis
Wenn Sie selbst an Aufzügen arbeiten oder einsteigen möchten: In der Academia Técnico Pro und in meinen Handbüchern für Aufzugstechniker teile ich, was ich auf Baustellen und im Pikett gelernt habe. Herstellerunabhängig, Schritt für Schritt, aus der Praxis. Mehr dazu in meinem neuen Video «Lift steckt fest» auf YouTube (@ramon.aufzugstechniker).
Wenn Ihnen dieser Artikel geholfen hat, freue ich mich über Ihre Unterstützung.
Ramón, Aufzugstechniker